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Herkules und Hylas

Hylas! Hylas! ruft der Alcide
Laut an Mysias Felsengestad;
Ob schon wankend und Weges-müde,
Klimmt er hinan den steinigten Pfad.
Den seine Brust zum Liebling erkoren,
Hylas, den schönen, hat er verloren;
Und schon die Nacht, die verhüllende, naht.

Suchend nach Wasser, ging er, der Knabe,
Mit dem Krug auf dem lockigen Haupt,
Sich und dem durstenden Freund zur Labe.
Doch durch die Pfade, waldicht umlaubt,
War er gegangen und nicht mehr gekommen,
Dunkel nur ward die Sage vernommen,
Daß ihn die Nymphen, den Knaben, geraubt.

Denn, als den Krug in emsigen Handen,
Übergebeugt in den spiegelnden See,
Er am Ufer schöpfend gestanden,
Hab' es gequollen vom Grund in die Höh -
Glänzende Stirn' und Augen und Wangen
Und zwei Hände, von denen umfangen,
Hylas versank in dem wallenden See.

Solches, von zagenden Hirten erzählet,
Hört des Herakles heilige Macht,
Und, von Zorn die Sehnen gestählet,
Dringt er durch Klippen und Waldesnacht.
Recht hat die schwankende Kunde geleitet,
Siehe, schon liegt weithin verbreitet
Vor ihm der See in ruhiger Pracht.

Hin ans Ufer tritt er im Grimme
Und schreit hinaus in die neblichte Luft:
"Hylas! Höre des Freundes Stimme!
Komm! - Und auch ihr, die in felsilger Kluft
Ihr euch vermeßt, den Geliebten zu halten,
Fürchtet des Donnerers höchste Gewalten,
Denn sein Erzeugter ist's, der zu euch ruft!"
Text: Franz Seraphicus Grillparzer - Lizenz: Public Domain