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I.

Kam je ein Frühling herrlicher gegangen,
Als dieser, der mit dir kam im Geleite?
Sein bloßer Atem: Segen, Blüten, Prangen, -
Und jedem Atemzuge du zur Seite!
Die Fluren überschwärmt von Honigbienen,
Der kleinste Strauch ein knospendes "Es werde!",
Die Gärten überwallt von Duftlawinen:
Ein einz'ger Lenzaltar die ganze Erde!

Und was als Farbe lodert nur zum Himmel,
Als Weihrauch nur empor zum Schöpfer gleitet,
Der Frühlingsopfer ganzes Festgewimmel,
Auf diesem Lenzaltar liegt's ausgebreitet!
Und Priest'rin du! du stehst im Morgenstrahle
Der Welt und mir weit offen zugewendet
Dein Herz, wie eine schnee'ge Opferschale,
Just von des Phidas Meißel selbst vollendet!

II.

Die Welt wacht auf und jauchzt dem Lenz entgegen
Und dir, du Königin in diesem Lenze,
So gib auch mir, wie jener deinen Segen,
Uns beiden deinen vollsten Kelch kredenze!
Ich will, den meinen leerend bis zum Grunde,
Dich und den ganzen Himmel in mich schlürfen,
Ob neid'sche Götter mich zur selben Stunde
Von neuem auch in Winters Eisnacht würfen.

Was gilt mir? Du hättest ihn gespendet,
Und Glück noch ist's, Unglück um dich erwerben;
Tod ist nur dort, wo du dich abgewendet,
Und Leben fern von dir ein stetes Sterben!
Ich weiß, wenn ich mein Blut für dich vergeude,
Daß Blut allein den Himmel kann erkämpfen,
Gib mindestens Qual, versagst du schon die Freude, -
Nur gib, die Frühlingsbrunst in mir zu dämpfen!

III.

Doch nein! Nicht kamst du, Märtyrer zu machen,
Nicht einen Frühlingsblutzoll zu erheben, -
In Schönheit kamst, in Strahlen du und Lachen,
Dein bloßes Kommen schon ein großes Geben!
Warum du kamst? Wer wollte dich drum fragen,
Die kam zu unser aller Frühlingsfrommen?
Mit wem du kamst? Was ist darauf zu sagen:
Als daß im Lenz du noch ein Lenz gekommen?!

Und mir vor allen! Mir vor allen andern
Bist du als Frühling in die Welt getreten,
Daß ich, ein Aug' mit dir, sie kann durchwandern,
Mit dir ein Mund, zu ihrer Pracht kann beten.
Wie dank' ich je dir, Gott- und Lenzgesandte,
Die mir mit ihres bloßen Kommens Geben,
Ob selbst ich auch kein Schattenhauch vom Dante,
Gab solch "Nuova Vita" = neues Leben?!

IV.

Und mehr als das! Mehr als nur neues Leben!
Ein neues Sterben auch, wenn jetzt zu sterben
Mir würd' im reichsten Frühlingsrausch gegeben,
Statt erst im Herbst stückweis zu gehn in Scherben:
Der Tod ein Knabe, kein Gerippe, hager
Und grimm entstiegen ew'gen Moders Feuchten,
Ein blumenstarrend Bett das Sterbelager,
Und drüber deines Aug's verklärend Leuchten.

Kein stockend Sterben, ein vergeh'nd Verschweben
In Glück und Glanz und Schönheit unermessen,
Ein Fliehn aus laut'rem Lenz- und Liebesleben,
Wie Falterflug so leicht! Und so: indessen
Vom Himmel Sterne nicht, nur Sonnen winken,
Der mütterlichsten aller Muttererden
In ihres Schoßes Keimnacht heimwärts sinken,
In ihn aufs neu' zurückgeboren werden!
Text: Udo Brachvogel - Lizenz: Public Domain