Menü Hängende Gärten-Mythe.
Obgleich so dicht vom Schleier ältester Orientmythe umwallt, daß kaum irgend etwas greifbar Historisches von der Ninus-Gattin, Völkerunterjocherin und Babylon-Gründerin Semiramis geblieben, ist doch dies Wenige von einem Zauber und einer Stärke, daß es für alle Zeiten zum richtigen Überlieferungsbesitz der Menschheitsgeschichte zu gehören hat. Sowohl ihre Herrscher- und Eroberungstaten nach dem Tode des, wie es heißt, unter ihrem Mitwissen oder gar auf ihr Anstiften erschlagenen Gatten, wie die Friedensvollbringungen ihres gewaltigen Frauenregiments haben den Märchennebel und die Sagenbrandung der Jahrtausende überdauert und niedergelebt. Nichts unter den letzteren aber so sehr, wie die Gründung Babylons und in ihr wieder die Auftürmung jender "Hängenden Gärten", die noch heute in der Phantasie und auf den Lippen jedes Kindes als eines der sieben Weltwunder aller Zeiten leben. Was Wunder, daß diese "blühenden Wolkenkratzer" denn auch etwas wie den Schlußstein und die buchstäbliche Krönung des ganzen Werkes und Lebens ihrer Schöpferin selbst zu bilden haben. Ganz gleich, ob diese, wie die eine Sage es will, von ihnen aus in Gestalt einer Taube zu ihren Göttern emporgenommen wurde. Oder ob sie, wie die andere es will, von ihnen in den unten grollenden Strom Euphrat (den "Phrat" der Bibel) hinuntergerissen wurde, den sie hundertfach eingejocht, in den Dienst ihrer Burg-, Stadt- und Landschöpfung gezwungen hatte.

Mit ros'gen Weichen bäumen schnee'ge Rosse,
Aus heißen Nüstern steigt's wie Dampfgeschosse,
Kaum zwingt sie des Numidiers ehrne Hand.
Gold ist der Wagen mit Saphir-Geäder,
Er hüllt des Schauers Blick in Flammen-Bäder,
Wie Sonnen rollen die polierten Räder
In Gleisen von gehäuftem Silbersand.

Und an des Wagens Brüstung lehnt ein Wesen, -
Ist es ein Mann? Ein Weib? Wer mag es lesen
Aus dieser erzumschienten Gliederpracht?
Dem Helm entquoll'ne schwarze Locken hangen
Herab auf blendend weißen Nackens Prangen,
Der ganze Morgen loht aus diesen Wangen,
Doch aus dem Auge droht die ganze Nacht.

Aus jener Brünne grollt ein Mann, ein ganzer,
Und dennoch flutet unter diesem Panzer
Ein Busen, wie kein Weib ihn schöner wies.
Semiramis! Die statt der Baaltis [1] Myrten,
Der Istar Schwert nahm, sich damit zu gürten,
Heut kehrt sie siegreich heim von Libyens Syrten,
Dies ist der Phrat, ihr Babylon ist dies!

Und hinter ihr, sich drängend ohne Rasten,
Ein Heer Gefangener und Beute-Lasten,
Das halbe Afrika schleppt man heran.
Es häuft ihr Volk das Siegeslaub zu Hügeln, -
Doch sie? Sie lächelt nicht, - plötzlich den Zügeln
Des Lenkers winkt sie zu, sich zu beflügeln,
Und burgwärts stäubt das schäumende Gespann.

Die Wimper preßt die Hand, denn ob dem Volke,
Dem jauchzenden, wie aus blutschwang'rer Wolke
Sah jäh sie an ein markerschütternd Bild.
War's Blendung, die das Auge überkommen?
Nun blickt sie wieder hin, da ist's verschwommen,
Und: "Ninus!" schaudert sie und todbeklommen
Faßt sie ans Herz, das übermenschlich schwillt.

So kommt sie zum Palast. Gelöst die Glieder
Aus Erz und Schmuck sinkt sie aufs Lager nieder,
Ein Königsschwan auf seinem Purpurnest:
Indes der Schätze Massen die Vasallen
Anhäufend ordnen in den weiten Hallen
Zur Must'rung für das Weibes-Wohlgefallen
Der Schlachten-Schlägerin am Siegesfest.

Und Nacht, die stillste, folgt dem laut'sten Tage,
Der Päan schweigt, selbst der Gefang'nen Klage
Verblutet in der narbenvollen Brust.
Da hebt vom Bett mit schlafgeflohnen Wangen
Die Kön'gin sich. Es treibt sie das Verlangen
Empor, wo ihre Wundergärten hangen:
Sie tritt hinaus, - und Knospen blühn vor Lust.

Sie tritt hinaus, - und Palmenkronen schwingen
Zum Gruß die Fächer über Springquell-Singen
Und Blumen, nein, ein ganzes Blumenreich!
Und während noch Leuchtfalter glühn und glimmen,
Schon Morgendüfte durch die Nachtluft schwimmen,
Verfrühte Vögel schon den Lichtgruß stimmen,
Als sei die Königin der Tag zugleich.

Sie tritt zur Brüstung. Wo der Blick auch gleitet,
Traumschleier um das dunkle Haupt gebreitet,
Liegt Babylon die Völkermutter da.
Gold-trächtig wälzen sich des Stromes Wellen,
Brautnächtlich überglänzt vom Mond, dem hellen,
Sie branden huld'gend am Palast und schwellen,
Sie wissen's auch: die Königin ist nah!

Und ihr zu Füssen in der weiten Halle,
Sieht sie emporgetürmt die Schätze alle,
Auch sie vom Mond weiß gleißend überwallt.
Doch wie? Sind die Altäre schon entzündet?
Woher der Rauch, der sich darüber ründet?
Was ist es, das der Nebelqualm verkündet,
Der drüber sich zur drohnden Wolke ballt?

Es ballt sich, wallt und webt in wüsten Schimmer,
Und dichter wird's und körperhafter immer,
Ein Mammut-Schemen steigt und neigt es sich:
Um eines Menschenschatten ries'ge Glieder,
Der wilden Taube gleichend an Gefieder
Fließt es in Falten graulich weiß hernieder,
Nur auf der Brust ein brennend rotes Mal!

Schon einmal sah sie's heut im Tageslichte
Das fürchterlichste aller Nachtgesichte,
Klang ihr's in den Triumph wie Henkerslied!
Und wieder schaudert's: "Ninus!" ihr vom Munde,
Als, die mit Königs-Schlächtern einst im Bunde
Sie selber schlug, des Gatten Todeswunde
Sie wieder klaffen, wieder bluten sieht.

Sie will's nicht sehn! Sie birgt in die Gewänder
Das Haupt und hebt und streckt von dem Geländer
Zur Wehr die weißen Hände vor sich aus.
Da, weh, wiegt schrill sich's auf den Balsamlüften,
Wie wunden Adlers Ruf aus Felsenklüften,
Wie Echo aus entweihten Königsgrüften, -
Sie hört's, und jeder Nerv in ihr wird Graus.

Und ob sich auch ein Heer Durft-Arme recke,
Ein Heer von Blumenhänden um sie strecke
Zum Schutz vor dem, was nah und näher droht:
Umsonst, - schon hüllt's, wie Todesweihrauchs Brand sie,
Deckt schwer und dicht des Gatten Grabgewand sie, -
Drängt es und stößt und schleudert es vom Rand sie, - -
Noch einmal wehrt mit flackernd weißer Hand sie
Und stürzt aus tausend Blüten in den Tod!


[1] Bei den Babyloniern war Baaltis, das empfangende und gebärende Prinzip, die "Mutter und Königin der Götter". Ihr Gegenteil Istar, die "Göttin der Vernichtung, des Krieges und Todes".
Text: Udo Brachvogel - Lizenz: Public Domain