Menü Genug des Hasses
I.

Wer tilgt mir von der Stirne
Der Lavawoge Glut?
Den Geysir Wer im Hirne,
Bisher fremd meinem Blut?

Den Föhn Wer, meiner Jugend
Bisher noch unbewußt?
Den Geier Wer, der Jugend
Mir kreist um Schläf' und Brust?

Er lugt nach jedem Lächeln,
Nach allen Lüftchen, die
Die heiße Stirn umfächeln,
Und er entschlummert nie:

Der Geier Haß, der tags mir
Jedweden Schritt umschwirrt,
Bleischweren Flügelschlags mir
Fehllos zur Seite irrt?!

Der nachts die Wacht hält, sitzend
Am Pfühl mir, dumpf und heiß,
Stets neue Krallen spitzend,
Bis ich nur Dies noch weiß:

Nichts gibt es, das nicht trüge,
Erprobt hab' ich's genug,
Es ist die Freundschaft Lüge,
Die Liebe ist Betrug!

Ich habe selbst begehret
Nach Freunden und nach Frau'n,
Ach war mir nicht verwehret,
An andern es zu schaun:

Wie sie sich erst beschränkten,
Sich dann gequält fast,
Wie sie darauf sich kränkten,
Und sich zuletzt gehaßt.

Der Haß ist doch das Grimmste,
Ich weiß es, weiß es klar:
Und stets ist der der schlimmste,
Der einstens Liebe war!

II.

Nicht darf ich Liebe hegen jetzt:
Statt ihrer muß sich, grimmumtagt,
Ihr Abgrund-Zwilling regen jetzt, -
Der Haß, der minder tief nicht nagt.

Ihr andern geht und liebet nur,
Ja liebt, so viel ihr könnt, so viel,
Bald wißt auch ihr, ihr triebet nur
Ein trügerisch betrüblich Spiel.

Ich hab' geliebt so sehr wie ihr,
Ganz ist gewandelt jetzt mein Sinn,
Ich glühe, und noch mehr wie ihr, -
Nur gab ich mich dem Hasse hin.

Ich mich dem Haß, der Haß sich mir,
Und wie zur Liebes-Flutzeit fragt
Mein Herz nur eins noch: Was sich mir
Je tiefer in das Herz genagt?!

III.

Mein Jünglingsherz, zu lieben nur gewillt,
Jetzt lernt es Manneshaß und Manneshadern;
Voll ward das Maß, und wie es überschwillt,
So schwillt's empor in jeder meiner Adern.
Das ist dein Werk, der mir den Knabentraum
Erschlug, und was er Weiches barg und Lasses,
Ich weiß: viel Lieb' hat mir im Herzen Raum,
Doch auch genug des Hasses!

Es fiel der Purpur, den ein Gott nicht, nein,
Nur mein verblendet Herz um dich geschlagen, -
Könnt' ich nur erst das eine mir verzeihn,
Daß ich, und wie ich Liebe dir getragen!
Ihr Licht, wie eines Irrlichts Moderschaum
Auf faulem Sumpf, für ew'ge Zeit erblass' es,
Erfahr' es ganz: viel Lieb' hat in mir Raum,
Doch auch genug des Hasses!

Und heiß will ich, wie Haß nur je gekocht,
Jetzt hassen, ob auch andre schwicht'gend schelten!
Was, Herz, geraubt dir ward, was aufgejocht,
Eins sinne einzig nur noch: zu vergelten!
Verzeihen? Wie der Wolke Rosensaum
Dem Grimm des Sturms, so deinem Sturmgrimm lass' es,
Nur eins noch gilt: viel Lieb hatt' in dir Raum,
Doch jetzt noch mehr des Hasses!

IV.

Wenn sonst mein Fuß den Wald betrat,
Umfing mich stets sein raunend Rauschen,
Wie einer Orgel Friedenslied,
Und Stund' um Stunde konnt' ich lauschen.

Und jetzt? Der Blätter Säuseln deucht
Mich wie der Rache-Vipern Zischen,
Die giftig sich in meine Schmach,
In meiner Seele Chaos mischen.

Geballte Faust preß ich aufs Herz:
Ha, träfe ich dich hier, Geselle,
Hier, in der dunklen, engen Schlucht, -
Nur einer ginge von der Stelle!

V.

Wohl tobt's wie Mord in allen meinen Adern, -
Doch Blut um Blut darum mit dir sich messen?
Niemals, - du bist zu schlecht, mit dir zu hadern,
Dir in die Knechtshand Ritterwehr zu pressen.

Wohl kannst Triumph du heulen jetzt und schreien,
Barbar du mehr, als Seikh, Tartar und Mandschu!
Doch drum heraus dich fordern? Nie, - nur speien
Könnt' höchstens ins Gesicht ich dir den Handschuh!

Du hast's erreicht - ich kehre niemals wieder!
Dich hier, weit draußen soll mein Saatfeld reifen,
Ob meinem Haupt das Dach selbst brachst du nieder,
Und obdachlos werd' ich ins Weite schweifen.

Und doch bin mächt'ger ich, wie du es glaubest,
Doch berg' ich in mir tötenden Geschosse,
Was alles du mir stiehlst, vergiftest, raubest,
Mir blieben meines Liedes Feuerrosse.

Dir send' ich aus mit grimmgepeitschten Flanken,
Weithin zu künden deine Schändlichkeiten, -
Jetzt ist's an dir, vor meiner Macht zu wanken:
Ich überlief're dich dem Haß der Zeiten!
Text: Udo Brachvogel - Lizenz: Public Domain